oder «Der lange Weg nach Hause»
Am 1. März 2020 erreichte mich das WhatsApp mit einem Hilferuf von Frau B. aus Rheinklingen. Die Meldung, dass sich auf ihrem Hof seit kurzem eine fremde, etwas vernachlässigte Katze aufhielt, war eigentlich nichts Überraschendes. Immer mal wieder trieben sich dort verwilderte oder sehr scheue Katzen herum, die von unbekannten Orten her zugelaufen waren.
Frau B. machte sich Sorgen um das Tier, weil es sich hauptsächlich unter ihrer Eingangstreppe verkroch und ab und zu, in geducktem Gang, über den Hofplatz schlich. Die getigerte Katze tat ihr leid. Es war ihr völlig unklar, woher das Tier stammte und sie war beunruhigt über den scheinbar schlechten Zustand. Mit blossen Händen einfangen liess sich die scheue Katze aber nicht. Das Stellen einer Falle schien hier unumgänglich, um das Tier medizinisch abklären lassen zu können.
Nachdem Frau B. eine Katzenfalle bei mir abgeholt hatte, gelang bereits am nächsten Nachmittag das Vorhaben, die Katze einzufangen und zur Untersuchung in die Tierarztpraxis zu bringen. Überraschenderweise verhielt sich dieses Büsi in der Falle gar nicht so unruhig oder aggressiv, wie ich es von verwilderten Katzen aus Erfahrung gewohnt war, sondern eher ängstlich und mitteilungsbedürftig. Der Grund für das etwas zutraulichere Verhalten des Tieres war dann schnell gefunden. Glücklicherweise konnte bei der Chip-Ablesung, die bei Findelkatzen standardmässig durchgeführt wird, ein registrierter Code nachgewiesen und die Besitzerin informiert werden! Es handelte sich hier also um eine vermisste Hauskatze und nicht, wie zuerst vermutet, um eine verwilderte Streunerkatze.
Die Besitzerin, Frau M., war im ersten Moment sehr erstaunt über die Nachricht und gleichzeitig überaus froh, ihre seit langem vermisste Katze wohlauf wieder nach Hause holen zu können. Die Vorgeschichte, die mir Frau M. über das Verschwinden ihrer mittlerweile 17-jährigen Katze „Chili“ erzählte, verblüffte mich ausserordentlich:
Die Familie war im Mai 2018 von Basadingen in das nur wenige Kilometer entfernte Rheinklingen umgezogen. Nach einer Eingewöhnungszeit von 2 Wochen in der neuen Wohnung war ihre "Chili" sogleich vom ersten Ausflug nicht mehr heimgekehrt und blieb verschwunden. Die Besitzerin hatte die Hoffnung auf ein Wiedersehen zwar nie ganz aufgegeben, aufgrund des bereits höheren Alters der Katze und einer therapierten Allergie schwanden diese Gefühle aber je länger je mehr. So wie es schien, fand „Chili“ jedoch auf ihrem knapp 2 Jahre dauernden Ausflug genügend Fressen und schützenden Unterschlupf, vielleicht auch etwas menschliche Zuneigung, so dass bei ihrem Auffinden im vergangenen Frühling keine akuten Leiden zu verzeichnen waren. Ob sich „Chili“ während der gesamten Abwesenheit immer so nahe ihrem Zuhause aufgehalten oder sie erst damals im März nach einem ausgedehnteren Streifzug wieder in die Nähe gefunden hatte, bleibt wohl immer ihr Geheimnis. Sicher ist jedoch, dass sich die Katze auf dem richtigen Hof verkrochen hatte, bei einem Menschen, der sich erfreulicherweise verantwortlich für das Tier fühlte.
Die Geschichte erstaunt aufgrund ihrer Seltenheit umso mehr. Sie zeigt, dass es auch nach langer Vermisstenzeit möglich ist, eine entlaufene Katze wiederzufinden. Mithilfe aufmerksamer Mitmenschen, die ein unbekanntes und/oder auffälliges Tier melden, kann nach dessen Herkunft gesucht und vor allem, Chip sei Dank, dessen Besitzer gefunden werden.
Und so wünsche ich allen Katzenbesitzern, denen ihr geliebtes Büsi entlaufen ist, den Mut zur Hoffnung, dass ihnen ein solches Happy End beschert wird.
Viviane Läubli