«Meerschweinchen sind keine Kuscheltiere!»
Die richtige Haltung und Pflege eines beliebten Haustiers beschäftigte im Rahmen des Ferienpasses Steckborn.
Das Meerschweinchen sei ein scheues Tier, erklärt STS-Tierschutz-Lehrerin Simone Schmid den fünf- bis zehnjährigen Kindern, die im Rahmen des Ferienpasses Steckborn das Meerschweinchen besser kennenlernen wollen. Darum seien auch keine Meerschweinchen mit nach Steckborn gekommen. Das wäre ein zu grosser Stress für sie, das Autofahren, die vielen Geräusche, die neuen Gerüche. Die Kinder wirken nicht enttäuscht, sie haben schon Erfahrungen mit Haustieren, begleiten Grossvater oder Tante bei Spaziergängen mit Hunden, teilen ihr Leben mit Katzen, Mäusen, Hühnern, Fischen, Vögeln, Hamstern oder eben Meerschweinchen.
Unter dem Tuch waren die Lieblingsspeisen der Meerschweinchen verborgen, welche die Kinder im Rahmen des Steckborner Ferienpasses ertasten konnten.
Gehege eingerichtet
Auch ohne lebendige Meerschweinchen bestimmen die Buben und Mädchen anhand grosser Bildtafeln, ob sich ein abgebildetes Tier wohlfühlt oder nicht. Nur anhand des Geruchs und der Konsistenz unterscheiden sie Stroh und Heu, ertasten unter einem Tuch die Lieblingsspeisen der Meerschweinchen wie Gurken, Fenchel, Äpfel, Karotten, Kohlrabi oder Tomaten, mit geschlossenen Augen probieren und erkennen sie «Peterli». Nach der Pause mit Früchten und gebackenen Brötchen, die an niedliche Meerschweinchen erinnern, nach einem Entspannungsspiel im Garten, richten sie mit viel Enthusiasmus das artgerechte Gehege ein. Zuerst wird Rindenmulch auf dem grossen Plastik verteilt und mit Stroh bedeckt. Diese Unterlage duftet gut und saugt unangenehme Gerüche wie Urin oder Kot auf. Dann geht es ans Einrichten. Die Kinder verteilen für jedes gedachte Meerschweinchen eine kleine Hütte oder ein Haus auf die Unterlage, achten darauf, dass die Fluchtwege immer offen sind. Sie schaffen mit Korkröhren spannende Spielfelder für neugierige Meerschweinchen, verteilen Haselzweige für die Zahnpflege, stopfen Heu in Socken oder Körbe, stellen je ein Tongefäss für Wasser und Körner in das Gehege.
Es machte sichtlich Spass, ein artgerechtes Gehege für Meerschweinchen einzurichten.
Meerschweinchen sind Tiere zum Beobachten
Das Meerschweinchen gelte quasi als «Haustier für Anfänger», erklärt Viviane Läubli vom Tierschutzverein Steckborn die Wahl des Tiers für den Ferienpass-Morgen. Eher das Gegenteil sei der Fall, ergänzt STS-Tierschutz-Lehrerin Simone Schmid. Meerschweinchen werden ungern berührt und erstarren schockiert, wenn sie von oben gepackt und auf den Arm genommen werden. Vielleicht sei das ein Instinkt, vererbt von den wilden Vorfahren, die in den Anden von Greifvögeln geholt wurden. Sie seien also weniger Tiere zum Anfassen, zum Kuscheln, viel eher Tiere zum Beobachten. Artgerecht gehalten leben die sozialen Tiere gern in der Gruppe, also mindestens zu zweit, bräuchten Platz, um sich zu bewegen – zwei Quadratmeter im Haus, vier Quadratmeter im Garten –, ein Gehege, das wöchentlich gereinigt werden müsse. Die Fluchttiere bräuchten genügend Höhlen, Röhren oder auch mehrstöckige Gebäude, um sich zu verkriechen. Äste zum Knabbern regulieren die ständig nachwachsenden Nagezähne und auch die Ernährung für die tagaktiven Pelztiere sei geregelt. Um Durchfall zu vermeiden, bräuchten sie morgens zuerst Heu, dann täglich frisches Gemüse, Obst oder Kräuter wie Löwenzahn oder Petersilie, da Meerschweinchen das lebenswichtige Vitamin C nicht selbst herstellen können.
Für Kinder sei es oft schwierig, die Verantwortung für zwei oder mehrere Meerschweinchen selbstständig zu übernehmen, so die Tierschutz-Fachfrauen. Nur schon für die wöchentliche Pflege der Gehege, für die richtige Ernährung, für die regelmässigen Gesundheitschecks seien sie auf die Hilfe Erwachsener angewiesen. Bei Fragen zur artgerechten Tierhaltung biete der Schweizer Tierschutz Unterstützung, Broschüren oder Merkblätter sind unter www.tierschutz.com oder unter www.krax.ch zu finden.
Aus dem «Bote vom Untersee» vom Freitag, 6. August 2021.